Wenn politische Bildung lebendig wird
Ein besonderer Briefwechsel mit dem Vorarlberger Landtag
Politische Bildung findet nicht nur im Klassenzimmer statt. Sie wird besonders dann spannend, wenn Politik direkt erlebt werden kann. Genau diese Erfahrung durfte unsere Gruppe „Politische Bildung“ der MS Alberschwende bei einem Besuch einer Landtagssitzung in Bregenz machen.
Die Schülerinnen und Schüler der 3. und 4. Klassen erhielten dabei einen unmittelbaren Einblick in die Arbeit des Vorarlberger Landtags. Die Sitzung verlief jedoch anders, als wir es erwartet hatten. Neben interessanten Debatten und neuen Eindrücken erlebten wir auch eine außergewöhnlich emotionale Situation, die bei vielen Schülerinnen und Schülern Fragen auslöste.
Anstatt diese Eindrücke einfach mitzunehmen, entschieden sich die Jugendlichen, ihre Beobachtungen, Gedanken und Fragen in einem gemeinsamen Schreiben an die Landtagsabgeordneten, den Landtagspräsidenten und den Landeshauptmann zu richten. Dabei formulierten sie offen, kritisch und respektvoll ihre Sicht auf das Erlebte.
Besonders bemerkenswert war, dass dieses Schreiben nicht unbeantwortet blieb. Landtagspräsident Harald Sonderegger nahm sich Zeit für eine ausführliche Antwort und ging auf die angesprochenen Punkte ein. Dieser direkte Austausch zeigt eindrucksvoll, dass die Stimmen junger Menschen gehört werden und politische Bildung auch bedeutet, miteinander ins Gespräch zu kommen.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vollständigen Briefwechsel.
Feedback der Gruppe „Politische Bildung“ der MS Alberschwende
Sehr geehrte Landtagsabgeordnete,
geschätzter Landtagspräsident und Landeshauptmann!
Ein herzliches Dankeschön, dass wir, Schüler der 3. Klasse bzw. 4. Klasse und „Politische Bildung“-Gruppe der MS Alberschwende bei der letzten Landtagssitzung einen Blick in die Politik werfen durften.
Wir waren aufgeregt und erfreut, als wir erfuhren, dass wir dem Landtag einen Besuch abstatten dürfen. Es war eine spannende und vor allem außergewöhnliche Sitzung und deshalb möchten wir Ihnen ein Feedback geben.
Wir wurden direkt nach der Sicherheitskontrolle herzlich empfangen und erhielten schon einige Infos. Danach wurden wir in die Sitzung geführt, die wir uns eigentlich friedlich und sachlich vorgestellt hatten.
Deshalb waren wir auch so überrascht vom plötzlichen Abbruch der aktuellen Stunde und der folgenden Diskussion. Schon zu diesem Zeitpunkt waren wir verwirrt, später jedoch, als das Campingplatzthema Sache war und die Diskussionen erst richtig starteten, wussten wir gar nicht mehr, wo wir hinschauen sollten.
Wir hätten echt nicht erwartet, dass erwachsene Menschen und erst recht die Politiker, welche vom Volk gewählt wurden, so leichtfertig und unhöflich miteinander umgehen und kommunizieren.
Außerdem ist uns aufgefallen, dass während des „Streits“, wenn man es so nennen kann, von allen Seiten reingerufen wurde und die Sitzung somit komplett eskalierte. Einzelne wechselten dauernd ihre Plätze und besprachen sich empört über die Lage.
Noch etwas, was wir nicht verstehen: Wieso konnte die aktuelle Stunde nicht mehr aufgenommen werden, nachdem sie beendet war? Bei uns in der Schule würde man einfach nochmal darüber sprechen. Doch im Landtag hatten wir das Gefühl, uns ins Fußballstadion verirrt zu haben, da tatsächlich ein Videobeweis benötigt wurde, um diesen Konflikt zu lösen.
Unserer Meinung nach wäre es richtig gewesen, auch aus Höflichkeitsgründen, wenn von beiden Seiten eine Entschuldigung für dieses Verhalten gekommen wäre und die Sache so abgeschlossen worden wäre.
Auch davor und danach ist uns aufgefallen, wie unaufmerksam einige Abgeordnete waren, ob am Handy, am Lesen oder Sonstiges, konzentriertes Dabeisein konnte man es jedenfalls nicht nennen.
Für uns ist es nicht nachvollziehbar, dass von uns Schülerinnen und Schülern höfliches Kommunizieren erwartet wird, dass aber in dieser aktuellen Stunde ein Bild vermittelt wurde, welches uns wortwörtlich die Sprache verschlug.
Ein Highlight war dann das Gespräch mit der Landtagsabgeordneten der NEOS, Katharina Fuchs. Sie gab uns viele informationsreiche und vor allem ehrliche Antworten auf unsere zahlreichen Fragen. Ein herzliches DANKE dafür!
Außerdem haben wir noch eine leckere Jause erhalten, welche uns allen hervorragend geschmeckt hat. Auch dafür wollen wir uns bedanken.
Wir fanden es aber gut, einmal Einblick in die Politik zu bekommen und zu wissen, dass auch bei Politikern nicht immer alles nach Plan läuft und es so auch mal zum Konflikt kommt. Wir werden uns weiterhin mit Freude und Begeisterung mit der Politik beschäftigen. Danke für diese Möglichkeit!
Die politische Bildung Gruppe der MS Alberschwende
mit den Lehrer René Kloser und Petra Raid
Antwort von Landtagspräsident Harald Sonderegger
Sehr geehrte Frau Raid,
sehr geehrter Herr Kloser,
liebe Schülerinnen und Schüler der MS Alberschwende!
Vielen Dank für euer Feedbackschreiben zu eurem Besuch der Landtagssitzung vom 13. Mai, welches ich mit Interesse gelesen und gerne auch an alle Klubobleute der im Landtag vertretenen Parteien weitergeleitet habe.
Ja, die letzte Sitzung bzw. ihr ungewöhnlicher Auftakt mit dem vorzeitigen Ende der aktuellen Stunde war wirklich – auch für mich – außergewöhnlich und entspricht nicht dem ansonsten üblichen Sitzungsfortgang.
Ich kann dazu nur festhalten, dass weder für mich noch für meine beiden Vizepräsidenten eine zeitgerechte Wortmeldung ersichtlich war und ich deshalb geschäftsordnungskonform den Tagesordnungspunkt geschlossen habe. Auch wenn der „Videobeweis“ im Nachhinein zeigte, dass ein Abgeordneter die Hand gerade noch kurz vor Beendigung meines Satzes angehoben hatte, ist es dem Vorsitzenden nach den Bestimmungen unserer Geschäftsordnung – an die sich alle Abgeordneten zu halten haben – nicht mehr möglich, einen geschlossenen Tagesordnungspunkt wieder aufzunehmen.
Politik bedeutet immer auch Debatte und Austausch von Argumenten – manchmal durchaus lebhaft und emotional. Das ist auch ein Stück weit üblich und gestattet. Die politische Debatte sollte aber möglichst von allen so geführt werden, dass die Würde und das Ansehen des Landtags gewahrt werden. Dass dies im konkreten Fall nicht gelungen ist und die Deeskalation eine etwas längere Sitzungsunterbrechung benötigte, dafür entschuldige ich mich gerne und hoffe, dass wir alle unsere Lehren daraus ziehen werden.
Ich bin froh, dass ihr in eurem Schreiben trotz des unrühmlichen Bildes, das wir als Vorarlberger Landtag während dieser sehr emotionsgeladenen Situation abgegeben haben, abschließend versichert, dass ihr euch weiterhin mit Freude und Begeisterung mit der Politik beschäftigen werdet, und ich kann euch dazu nur ermuntern.
Herzliche Grüße und Danke für euren Besuch!
Harald Sonderegger
Landtagspräsident
Dieser Briefwechsel zeigt, dass politische Bildung mehr sein kann als das Erlernen von Fakten. Junge Menschen haben ihre Eindrücke reflektiert, ihre Meinung respektvoll formuliert und erlebt, dass ihre Stimme gehört wird. Wir sind uns sicher, dass dies für unsere Schülerinnen und Schüler eine wertvolle Erfahrung gelebter Demokratie war.








